Der Anki Algorithmus entscheidet nach jeder Antwort, wann du eine Karte wiedersiehst. Seit FSRS den alten Scheduler ablöst, rechnet der Anki Algorithmus mit deinen eigenen Daten statt mit einer festen Formel. Was sich dadurch konkret ändert, steht hier.
Das Wichtigste in Kürze
- Der Anki Algorithmus terminiert Karten, er bewertet sie nicht
- FSRS kommt mit rund einem Viertel weniger Wiederholungen aus als der Vorgänger SM-2
- Desired Retention ist die einzige Stellschraube, die du wirklich anfassen musst
- Der Optimizer wird erst ab etwa 400 bis 500 Bewertungen pro Stapel aussagekräftig
Desired Retention: die eine Stellschraube
In den Stapel-Optionen steht ein Feld namens Desired Retention. Damit sagst du Anki, wie viel du behalten willst. Steht dort 0,9, heißt das: Von zehn Karten weißt du neun noch, wenn Anki sie dir zeigt. Die zehnte hast du vergessen, und das ist Absicht.
Der Zusammenhang ist nicht linear, und genau daran scheitern viele. Wer von neunzig auf 95 Prozent hochgeht, kauft diese fünf Prozentpunkte mit einem spürbar größeren Zeitaufwand ein. Die Intervalle schrumpfen dabei deutlich stärker, als die kleine Zahl vermuten lässt, und der tägliche Kartenberg wächst entsprechend mit.
- 0,85 für große Stapel, die du nur im Griff behalten willst
- 0,90 als Standard für fast alles
- 0,95 nur kurz vor einer Prüfung, danach zurücksetzen
Diese eine Zahl ersetzt praktisch alle Multiplikatoren, an denen man früher herumgedreht hat. Wer sie einmal passend gesetzt hat, kann die übrigen Optionen dauerhaft in Ruhe lassen. Das ist der eigentliche Gewinn der Umstellung: Statt einem Dutzend Werten gibt es nur noch eine Entscheidung, und die lässt sich in einem Satz begründen.
Ist dein Anki richtig eingestellt?
Zieh die zwei Regler auf deine Zahlen. Die Antwort ändert sich sofort mit.
Steht in Anki unter Statistiken, in der Tabelle True Retention.
Steht in den Stapel-Optionen bei Desired Retention. Meistens 0,90, das sind 90.
Und wenn ich die Zahl nicht finde?
Öffne Anki und klick oben auf Statistiken. Scroll zur Tabelle mit der Überschrift True Retention. Dort steht für verschiedene Zeiträume, wie viel du behalten hast. Nimm den Wert für den letzten Monat.
Findest du die Tabelle nicht, hast du wahrscheinlich noch zu wenig gelernt. Dann warte ein paar Wochen und schau erneut nach.
Ob deine eigene Einstellung passt, siehst du im Kasten oben. Anki zeigt dir zwar, wie viel du behältst, sagt aber nicht, ob diese Zahl zu deinem Ziel passt. Genau diesen Vergleich nimmt dir der Regler ab, und aus dem Ergebnis folgt jeweils genau eine Handlung.
Was der Anki Algorithmus wirklich entscheidet
Der Anki Algorithmus beantwortet genau eine Frage: An welchem Tag siehst du diese Karte wieder? Ob deine Antwort inhaltlich richtig war, entscheidest du selbst mit den vier Knöpfen. Alles danach ist Terminplanung, und genau darin liegt die gesamte Wirkung des Programms.
Diese Trennung wird oft übersehen. Wer sich über schlechte Ergebnisse ärgert, sucht den Fehler meist im Kartendesign. Häufig liegt er aber in den Stapel-Optionen, weil der Zeitplan nicht zum Ziel passt. Wie du deine Anki Karten gezielt steuerst, steht in einem eigenen Leitfaden.
- Nochmal: Die Karte fällt zurück in kurze Minutenabstände
- Schwer: Das Intervall wächst, aber deutlich langsamer als zuvor
- Gut: Der Normalfall, das Intervall wächst planmäßig
- Einfach: Ein Sprung nach vorne, sparsam einsetzen
Diese vier Knopfdrücke sind die einzigen Daten, die der Algorithmus über dich hat. Er sieht weder deine Karte noch dein Fach noch deine Prüfung. Wer die Knöpfe inkonsequent vergibt, etwa aus Ärger über eine schlecht formulierte Karte, verfälscht damit jede weitere Berechnung für genau diese Karte. Ehrliches Bewerten ist deshalb wichtiger als jede Einstellung.
Die Vergessenskurve als Grundlage
Hermann Ebbinghaus zeigte im neunzehnten Jahrhundert, dass Erinnerungen ohne Auffrischung einem vorhersagbaren Muster folgen. Ein großer Teil neuer Information verschwindet bereits innerhalb des ersten Tages, danach flacht der Verlust deutlich ab. Die Kurve fällt zunächst steil und wird anschließend träge. Dieses Muster gilt unabhängig davon, was genau du gelernt hast.
Genau diese Trägheit macht Spaced Repetition überhaupt erst möglich. Jede erfolgreiche Wiederholung flacht die Kurve ein Stück weiter ab, sodass der nächste Termin später liegen darf als der vorige. Verteiltes Wiederholen erzeugt dabei messbar bessere Langzeitergebnisse als gebündeltes Lernen am Stück.[1]
Merksatz
Ein Algorithmus für Spaced Repetition sucht immer denselben Punkt: kurz bevor du vergisst. Zu früh kostet Zeit, zu spät kostet die Erinnerung.
Die Theorie dahinter ist deutlich älter als jede Lernsoftware. Was die Spaced Repetition Methode im Kern ausmacht und warum sie auch mit Papierkarten funktioniert, ist ein eigenes Thema. In diesem Text geht es allein um die Frage, wie Anki den richtigen Zeitpunkt tatsächlich berechnet und welche Größen dabei eine Rolle spielen.
SM-2: das alte Modell und seine blinde Annahme
Jahrzehntelang lief Anki auf einem Verfahren namens SM-2. Es stammt aus der Frühzeit der Lernsoftware und arbeitet mit einem festen Schema: Jede Karte trägt einen Leichtigkeitsfaktor, der bei jeder Antwort nach oben oder unten korrigiert wird. Das aktuelle Intervall wird damit multipliziert.
Der Ansatz hat einen eingebauten blinden Fleck. SM-2 unterstellt, dass alle Menschen gleich vergessen und dass jede Karte sich gleich verhält. Deine tatsächliche Trefferquote fließt nicht zurück in die Rechnung. Der Faktor kennt nur den letzten Knopfdruck, nicht deine Historie.
Was daraus in der Praxis folgt:
- Leichte Karten bekommen zu kurze Abstände und stehlen Zeit
- Schwere Karten bekommen zu lange Abstände und fallen immer wieder aus dem Gedächtnis
- Der beliebte Reflex, an Multiplikatoren zu drehen, verschiebt das Problem nur
„Ich habe monatelang an Intervallen und Multiplikatoren geschraubt, bevor ich verstanden habe, dass der Zeitplan nie das Problem war. Es waren meine Karten.“ — Kevin Haiber
Weiterführende Informationen
Wie der Wiederholungsalgorithmus FSRS rechnet
Der Wiederholungsalgorithmus FSRS ersetzt den einen Leichtigkeitsfaktor durch drei getrennte Größen. Er beruht auf einem Gedächtnismodell, das auf einer Fachkonferenz für Datenanalyse vorgestellt wurde, und wertet deine gesamte Bewertungshistorie aus statt nur den letzten Klick.[2] Damit kann er schätzen, wie schnell eine bestimmte Karte bei dir verblasst.
- Stabilität: Wie viele Tage vergehen, bis die Erinnerung an diese Karte auf neunzig Prozent fällt
- Schwierigkeit: Wie sperrig diese eine Karte für dich persönlich ist
- Abrufbarkeit: Wie wahrscheinlich du sie in diesem Moment noch weißt
Aus diesen drei Werten ergibt sich der nächste Termin. Entscheidend ist dabei, dass die Rechnung pro Karte läuft und nicht pro Stapel. Zwei Karten im selben Deck können deshalb völlig unterschiedliche Abstände bekommen, obwohl du beide gleich oft mit Gut bewertet hast. Genau das war mit dem alten Verfahren nicht möglich.
Der Effekt ist gemessen. Eine Auswertung von rund 700 Millionen anonymisierten Anki-Bewertungen zeigt, dass FSRS etwa ein Viertel weniger Wiederholungen benötigt als SM-2, um dieselbe Behaltensleistung zu erreichen.[3] Bei einem Stapel mit täglich 60 Karten sind das rund 15 gesparte Karten pro Tag.
Wer die einzelnen Parameter nachlesen möchte, findet sie im Anki Handbuch zu den Stapel-Optionen. Für den Alltag brauchst du diese Werte nicht zu verstehen. Es genügt zu wissen, dass sie sich aus deinen eigenen Antworten ergeben und nicht aus einer Voreinstellung des Programms stammen.
Wann sich der Optimizer lohnt
Der Optimizer liest deine gesammelte Historie und rechnet daraus einen Parametersatz, der zu deinem Gedächtnis passt. Er sitzt in den Stapel-Optionen und braucht genau einen Klick. Solange du ihn nicht startest, arbeitet FSRS mit Standardwerten, die aus fremden Daten stammen und dich nur ungefähr treffen.
Sinnvoll wird der Lauf erst ab etwa 400 bis 500 Bewertungen im Stapel. Darunter ist die Datenbasis zu dünn, und der Optimizer liefert Werte, die kaum vom Standard abweichen. Danach genügt ein Lauf alle paar Monate, weil sich die Parameter mit wachsender Historie ohnehin kaum noch verschieben.
Zwei Fehler tauchen dabei regelmäßig auf:
- Der Optimizer wird wöchentlich gestartet, obwohl kaum neue Daten dazugekommen sind
- Verschiedene Stapel teilen sich eine Optionsgruppe, sodass Vokabeln und Fachwissen dieselben Parameter bekommen
Wo der Algorithmus an Grenzen stößt
Kein Zeitplan rettet eine schlechte Karte. Wenn eine Karte drei Fakten gleichzeitig abfragt, wirst du sie mal können und mal nicht. Der Algorithmus liest dieses Schwanken als hohe Schwierigkeit und verkürzt die Abstände immer weiter, obwohl das eigentliche Problem im Zuschnitt der Karte liegt und nicht im Zeitplan.
Das leistet die Rechnung nicht:
- Verstehen erzeugen, wo nur auswendig gelernt wurde
- Zusammenhänge zwischen Karten herstellen, die inhaltlich zusammengehören
- Unehrliche Selbstbewertung ausgleichen, etwa wenn Gut aus Bequemlichkeit gedrückt wird
- Einen Stapel retten, der monatelang unberührt liegen geblieben ist
Wer diese Grenzen kennt, spart sich viel vergebliches Drehen an Parametern. Die meisten Probleme, die nach einem Fehler im Algorithmus aussehen, sind in Wahrheit Kartenprobleme oder Gewohnheitsprobleme.
Fazit
Der Anki Algorithmus ist kein Detail für Bastler, sondern der eigentliche Grund, warum das Programm funktioniert. Wer FSRS aktiviert und die Retention passend setzt, hat neunzig Prozent der Arbeit bereits erledigt. Alles Weitere entscheidet sich daran, ob du die App täglich öffnest, nicht an der Konfiguration.
Praktisch heißt das: einmal umstellen, den Optimizer nach ein paar hundert Bewertungen laufen lassen, danach die Finger von den Optionen. Wer diesen Ablauf einhält, spart pro Woche eine spürbare Menge Zeit. Weitere Werkzeuge und Methoden für digitales Lernen findest du im übrigen Angebot.
Häufige Fragen
Was ist der Anki Algorithmus und wie funktioniert er?
Der Anki Algorithmus ist der Terminplaner hinter der App. Nach jeder Bewertung schätzt er, wie lange du die Karte behalten wirst, und setzt das nächste Fälligkeitsdatum genau dorthin, wo deine Erinnerung auf den eingestellten Zielwert absinkt.
Muss ich FSRS selbst aktivieren?
In neueren Anki-Versionen ist FSRS ab Werk aktiv. Wer von einer älteren Version aufsteigt, findet den Schalter in den Stapel-Optionen unter dem Punkt FSRS. Ein Add-on brauchst du dafür nicht mehr.
Was passiert mit meinen alten Karten bei der Umstellung?
Nichts geht verloren. FSRS liest deine bisherige Bewertungshistorie aus und rechnet daraus neue Intervalle. Karten mit langer Historie werden dabei am zuverlässigsten eingeschätzt, ganz frische Karten am ungenauesten.
Welcher Retention-Wert ist sinnvoll?
Neunzig Prozent ist der Standard und für die meisten Stapel richtig. Wer viel Zeit hat und wenig vergessen darf, geht auf 92 oder 95 Prozent. Wer den Stapel nur grob im Griff behalten will, kann auf 85 Prozent senken.
Wie oft sollte der Optimizer laufen?
Alle paar Monate reicht. Er braucht neue Daten, um etwas zu ändern, und liefert bei wenigen hundert zusätzlichen Bewertungen praktisch dieselben Werte wie beim letzten Lauf.
Warum sind meine Intervalle nach der Umstellung kürzer geworden?
Dann hat der alte Scheduler deine Behaltensleistung zu optimistisch geschätzt. FSRS korrigiert das nach unten. Kurzfristig bedeutet das mehr Wiederholungen, längerfristig weniger, weil du seltener komplett von vorne anfangen musst.
Quellen und weiterführende Literatur
- Cepeda, N. J. et al. (2006). Distributed practice in verbal recall tasks: A review and quantitative synthesis. Psychological Bulletin, 132(3), 354-380.
- Ye, J., Su, J., & Cao, Y. (2022). A Stochastic Shortest Path Algorithm for Optimizing Spaced Repetition Scheduling. Proceedings of the 28th ACM SIGKDD Conference on Knowledge Discovery and Data Mining, 4381-4390.
- Expertium (2024). FSRS Benchmark: Analysis of 700M Anki Reviews. expertium.github.io
- Anki Manual. Deck Options: FSRS, Desired Retention und Optimizer. docs.ankiweb.net